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Weingut Flubacher · Geheimakte

Der Fall am
Winklerberg

Fallnummer 2003–WB · Vertraulich
Kriminalakte · Streng vertraulich
Kaiserstuhl · September
Nacht vor der Lese

Es war die letzte Nacht vor der Lese. Der Winklerberg lag still, die Trauben hingen schwer und reif, der Duft von Burgunder hing in der Luft wie ein Versprechen.

Im Keller des Weinguts Flubacher schlummerte er seit zweiundzwanzig Jahren: der 2003er Spätburgunder vom Winklerberg. Letzte Flasche. Bester Jahrgang. Nicht zu kaufen, nicht zu verkaufen. Für einen Moment aufgehoben, der noch kommen würde.

Am nächsten Morgen war sie weg.

Kein eingeschlagenes Fenster. Kein aufgebrochenes Schloss. Nur eine leere Stelle im Regal und auf dem Steinboden eine einzige Spur: eine alte Münze. Abgenutzt. Mit einem Wappen, das niemand kannte.

Christian Flubacher ist ein Frühaufsteher. Noch bevor der erste Traktor anspringt, ist er im Keller – die Stille dort mag er, das ruhige Klima, den Geruch von Holz und altem Stein. Es ist sein Morgenritual, kurz nachzuschauen, ob alles in Ordnung ist.

An diesem Morgen war es nicht in Ordnung.

Er stand lange vor dem leeren Regal. Sagte nichts. Rief dann Lena. Die kam, sah, und verstand sofort. Die Münze nahm keiner in die Hand – irgendetwas sagte ihnen, sie liegen zu lassen, genau so, wie sie gefunden worden war.

Lenas Eltern Elmar und Brigitte waren seit vier Tagen mit dem kleinen Louis im Urlaub – der erste seit zwei Jahren, lange geplant und verdient. Damit war klar: In jener Nacht waren nur Lena und Christian auf dem Weingut. Und drei Gäste.

Ich wusste sofort, was fehlte. Diese Flasche war wie ein alter Freund dort unten. Man bemerkt es, wenn jemand einfach weg ist.
Christian Flubacher · Weingut Flubacher, Ihringen

Die Befragungen begannen noch am selben Vormittag. Drei Personen hatten sich in jener Nacht auf dem Weingut aufgehalten. Drei Menschen, die alle einen Grund gehabt hätten. Was die Ermittlungen ergaben:

22:14 Uhr
Lena und Christian verlassen den Keller. Die Flasche steht an ihrem Platz. Letzter bestätigter Sichtungszeitpunkt.
22:30 Uhr
Martha S., die Nachbarin, wird von ihrer Tochter per Telefon erreicht. Sie ist zu Hause. Aber ihr Hund schlägt nicht an – obwohl er das bei Fremden immer tut.
23:00 Uhr
Georg wird zuletzt im Weinberg gesehen. Allein, zwischen den Reben des Winklerbergs. Was er in der Hand hielt, konnte niemand erkennen.
23:45 Uhr
Heinrich W. verlässt laut Gästebuch das Haupthaus. Richtung: unklar. Er behauptet, einen Spaziergang gemacht zu haben. Keine Zeugen.
05:40 Uhr
Christian findet die leere Stelle. Auf dem Boden liegt eine alte Bronzemünze mit einem Wappen, das keiner der Flubachers je zuvor gesehen hatte.

Inspektor Bauer schloss Lena und Christian früh aus. Beide hatten keinen Grund, die Flasche zu stehlen, die ihnen gehörte. Lenas Eltern waren nachweislich im Urlaub. Damit blieben drei Personen übrig – die einzigen, die in jener Nacht auf dem Weingut übernachteten. Alle drei hatten Gelegenheit. Alle drei hatten, auf ihre Art, ein Motiv. Und alle drei behaupteten, nichts gehört, nichts gesehen, nichts gewusst zu haben.

G
Georg
Der Fremde · Zur Lese eingestellt · Akte 01
Drei Tage vor der Lese tauchte er auf. Kein Nachname, kein Gepaeck ausser einem Lederbeutel. Er bat um Arbeit, Lena stellte ihn ein. Georg kannte sich aus, zu gut, fand Christian. Er wusste, wo die Werkzeuge standen, wie der Keller riecht, welche Reben zuerst gelesen werden. Dinge, die man nicht einfach weiss.
Motiv: Unbekannt · Hintergrund: Ungeklärt
H
Heinrich W.
Der Sammler · Stammgast · Akte 02
Heinrich Waller kommt jeden Herbst. Immer mit Fliege und Notizbuch. Er liebt den 2003er mehr als jeder andere und hat ihn viermal kaufen wollen. Viermal Nein. Beim letzten Abendessen bot er eine ungewoehnlich hohe Summe. Lena sagte nein. Waller laechelte. Zu ruhig, fand Christian.
Motiv: Obsessive Sammelleidenschaft · Drei Ablehnungen
M
Martha S.
Die Nachbarin · Kellerschlüssel · Akte 03
Martha Senn lebt seit vierzig Jahren am Fuß des Winklerbergs. Sie kennt jeden Stein, jede Rebe – und hat noch einen Schlüssel zum Keller aus alten Zeiten. Den hätte sie längst zurückgeben sollen. Ihr Hund schlägt sonst bei jedem Fremden an. In jener Nacht blieb er stumm.
Motiv: Unklar · Zugang: Bestätigt

Christian hatte nichts angefasst. Er ist kein Ermittler, aber er ist ein genauer Mensch – und irgendetwas sagte ihm, dass die Münze genau dort liegen bleiben sollte, wo er sie gefunden hatte. Lena fotografierte alles mit dem Handy, bevor die Polizei eintraf. Was sie fanden, waren drei Dinge. Nicht viel. Aber vielleicht genug.

Asservat A-01
Die Münze
Alte Prägung, unbekanntes Wappen. Durchmesser 23mm. Bronze. Herkunft ungeklärt. Gefunden direkt vor dem leeren Regal. Keiner der Flubachers hat sie je zuvor gesehen.
Asservat A-02
Der Schuhabdruck
Größe 43, flache Sohle ohne Profil. Deutet auf Lederschuhe hin. Richtung: vom Regal zur Kellertür. Keine weiteren Abdrücke. Nur einer war hier.
Asservat A-03
Das Notizbuch
Aufgefunden im Gästehaus. Letzte Eintragung: „2003. Endlich.“ Handschrift nicht identifiziert. Die Folgeseite wurde herausgerissen.

Es war kurz nach acht, als Inspektor Bauer seinen Kaffee austrank und sein Notizbuch aufschlug. Drei Gespräche standen auf dem Programm. Drei Menschen, die alle behaupteten, nichts gesehen zu haben. Nichts gehört. Nichts gewusst.

Lena stand dabei, als die Befragungen begannen. Sie sagte nichts. Aber sie hörte zu. Und irgendwo zwischen den Sätzen, zwischen dem, was gesagt wurde und dem, was nicht gesagt wurde, spürte sie es: Einer von ihnen log. Nicht laut. Nicht dramatisch. Sondern so, wie man lügt, wenn man lange geübt hat – fast perfekt. Fast.

Die Aussagen sind protokolliert. Lies sie genau. Ein einziges Detail stimmt nicht.

G
Akte 01 · Georg
Georg
Der Fremde
Ich war um zehn im Bett. Habe geschlafen, tief und fest. Den Keller kenne ich nicht von innen – warum auch, ich bin Erntehelfer, kein Kellermeister. Wo die Flaschen stehen, geht mich nichts an. Ich habe nichts gehört, nichts gesehen. Und diese Münze? Noch nie gesehen. Riecht da eigentlich immer so nach feuchtem Stein und altem Holz?
H
Akte 02 · Heinrich W.
Heinrich W.
Der Sammler
Ich muss das ein für alle Mal klarstellen: Ich bin seit zwölf Jahren Gast auf diesem Weingut. Zwölf Jahre. Ich habe mehr Flaschen hier gekauft als irgendjemand sonst. Ja, ich wollte den 2003er. Natürlich wollte ich ihn. Aber ich bin kein Dieb. Ich war auf meinem Zimmer, habe gelesen, bin um halb elf eingeschlafen. Ich habe mit dem Verschwinden dieser Flasche absolut nichts zu tun. Absolut nichts.
M
Akte 03 · Martha S.
Martha S.
Die Nachbarin
Ich schlafe seit vierzig Jahren gut. Letzte Nacht auch. Mein Hund hat nicht gebellt, weil nichts zu bellen war. Ich kenne jeden Menschen hier, das stimmt. Und ja, ich habe noch einen Schlüssel. Den werde ich jetzt zurückgeben. Aber gestohlen habe ich nichts. Ich brauche keinen Wein – ich habe selbst welchen.

Wer war es?

Waehle deinen Verdaechtigen:

Georg — Der Fremde
🔍
Du hast recht. Es war Georg.
Georg stammt aus einer alten Winzerfamilie, die einst am Winklerberg lebte. Die Muenze war das letzte Erbstueck seiner Familie. Georg hatte nicht gestohlen – er hatte zurueckgeholt, was seiner Familie gehoerte. Er verriet sich durch eine einzige Kleinigkeit: Er behauptete, den Keller nicht von innen zu kennen, und beschrieb dann unwillkuerlich seinen Geruch.
Heinrich W. — Der Sammler
Knapp daneben. Heinrich haette die Flasche nie gestohlen.
Heinrich hatte das staerkste Motiv. Aber ein Sammler wie er weiss, dass ein Wein der nicht rechtmaessig erworben wurde seinen Wert verliert. Lies die Aussagen nochmal genau. Irgendetwas stimmt nicht.
Martha S. — Die Nachbarin
Martha hatte Zugang – aber nicht den Willen.
Martha hatte noch einen Schluessel zum Keller. Und ihr Hund blieb in jener Nacht stumm – er bellte nur bei Fremden. Lies die Aussagen nochmal. Irgendetwas stimmt nicht.

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